Gastbeiträge

Auf den Unterricht kommt es an, nicht die Schulstruktur

Prof. Dr. Michael Hüther
Direktor
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Seit dem Jahr 2005 hat sich in Nordrhein-Westfalen die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die eine allgemeinbildende Schule am Ende der Sekundarstufe I verlassen, um 22.000 Jugendliche auf 129.000 Schulentlassene verringert. Im gleichen Zeitraum ging die Anzahl derjenigen, die nach der 10. Klasse von der Schule ohne Abschluss abgingen, um einen Prozentpunkt auf 8,7 Prozent zurück. Gleichzeitig ist zu konstatieren, dass nach der vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bundesweit durchgeführten Überprüfung der Bildungsstandards im Fach Deutsch zwischen Aachen und Minden rund 34 Prozent in der 9. Jahrgangsstufe nicht die in den Regelstandards vorgegebenen Erwartungen erreichen, in den nichtgymnasialen Bildungsgängen sind es 52 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Diese Befunde entsprechen dem Ergebnismuster, das sich schon für Lesen im Rahmen des PISA-2006-Ländervergleichs ergab.

Die Rekrutierungsprobleme, die für viele Ausbildungsbetriebe damit einhergehen, sind offenkundig: Nicht nur dass die Bewerberzahl schrumpft, die schulische Grundbildung sprich Ausbildungsreife lässt bei einem guten Fünftel der Schulabgänger nach wie vor sehr zu wünschen übrig. Und das, obwohl das Schulgesetz Nordrhein-Westfalen als Bildungsziel der Sekundarstufe I die Vermittlung einer gemeinsamen Grundbildung, die zur Aufnahme einer Berufsausbildung befähigt, kodifiziert hat. Nun ist es nicht so, dass die Schulpolitik im letzten Jahrzehnt untätig geblieben wäre. Sie hat eine Vielzahl an Maßnahmen angestoßen, die der inneren Schulreform zuzurechnen sind. So wurden unter anderem die Erprobungsstufe in der Sekundarstufe I, kompetenzorientierte Lehrpläne, die Schulinspektion und die Eigenverantwortliche Schule mit Dienstvorgesetztenfunktion der Schulleitung eingeführt. Der Paradigmenwechsel hin zum ergebnisorientierten Systemmanagement scheint vollzogen – und bleibt in der Praxis doch defizitär. Statistisch messbare Effekte lassen auf sich warten. Die Öffentlichkeit nimmt von dieser Schulentwicklungsdynamik kaum (noch) Notiz.

Auch die Einführung des G8, die auf eine strukturelle Veränderung von nachhaltiger Tragweite abzielte, wird von Teilen der Öffentlichkeit nicht goutiert. Zu sehr stechen (nicht nur in Nordrhein-Westfalen) handwerkliche Mängel bei der Umsetzung ins Auge. Auf diese Weise werden bildungspolitische Zielsetzungen, die der Verbesserung von Qualität und Effektivität des Schulsystems dienen sollen, konterkariert.

Statt couragiert Leistung von jeder Schule einzufordern und die dafür notwendigen Unterstützungssysteme bereitzustellen und auszubauen, erfolgt ein Rückgriff auf „alte“ Rezepte: die Fokussierung der Probleme auf die Frage nach der idealen Schulform. Überall entstehen Oberschulen (Niedersachen), Gemeinschaftsschulen (Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein), Mittelschulen (Hessen) oder Sekundarschulen (Nordrhein-Westfalen), die die Illusion nähren, „länger gemeinsam lernen“ sei schon der Clou schlechthin. Nicht nur, dass damit die meist langwierige, engagierte und innovative Entwicklungsarbeit äußerst erfolgreicher Haupt- und Realschulen – wie sie etwa der Wettbewerb STARKE SCHULE sichtbar macht – zurückgenommen wird. Die Strukturlösung straft auch aktuelle Befunde einer Bertelsmann-Studie zum Schulformwechsel (wonach weniger die Schulstruktur, sondern die individuelle Förderung für die Durchlässigkeit entscheidend ist) und die Meta-Analysen von John Hattie Lügen, der nachweist, dass die Unterrichtsqualität zu den Einflussfaktoren mit den höchsten Effektstärken zählt.